Qualitätsverbesserung durch Vernetzung und Kooperation
19. Rehabilitationswissenschaftliches Kolloquium„Die Rentenversicherung muss und will ihren Teil dazu beitragen, dass die Menschen möglichst lange erwerbsfähig bleiben“, sagte die Sozialmedizinerin und Leiterin des Bereichs Koordination Reha-Einrichtungen und Sozialmedizin der Deutschen Rentenversicherung Mitteldeutschland, Dr. Ina Ueberschär, heute (8.3.) vor der Presse in Leipzig. Deshalb engagiere man sich sowohl in der Reha-Forschung, als auch mit Praxisprojekten in der Region.
Auf dem 19. Rehabilitationswissenschaftlichen Kolloquium, das am Montag (8.3.) mit einem Teilnehmerrekord im Leipziger Congress Center eröffnet wurde, informierte die Deutsche Rentenversicherung Mitteldeutschland über ihre Kooperationsprojekte mit regionalen Partnern und zeigte Möglichkeiten der Qualitätsverbesserung durch Kooperation und Vernetzung auf.
Als größter Rehabilitationsträger in Deutschland finanziert die Deutsche Rentenversicherung Leistungen zur medizinischen und beruflichen Rehabilitation, wenn ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Erwerbsleben droht. „Reha vor Rente“ heißt das im Sozialgesetz verankerte Motto. Der mitteldeutsche Regionalträger hat dafür 2010 rund 378 Millionen Euro eingeplant. „Dies ist nur ein kleiner, aber sehr gut angelegter Teil des Gesamtbudgets von 22,97 Milliarden Euro. Wir tragen z. B. dazu bei, dass Krankheiten nicht erst chronisch werden oder dass man trotzdem erwerbsfähig sein kann und lernt, besser mit seiner Gesundheitsstörung umzugehen“, erläuterte Ueberschär. Rehabilitation sei nicht nur Grundlage sozialer Sicherung, sondern auch wesentlich für das Selbstwertgefühl des Einzelnen und seine Einbindung in die Gesellschaft.
Die Sozialmedizinerin verwies auf eine Studie der Prognos AG. Daraus geht hervor, dass der Volkswirtschaft jährlich über 150 000 Arbeitskräfte erhalten bleiben, die ohne diese Leistungen frühzeitig aus dem Arbeitsleben ausscheiden würden. Und: Bereits heute erhält die Volkswirtschaft für jeden in die medizinische Rehabilitation investierten Euro fünf Euro zurück. Den Prognos-Berechnungen zufolge wird die volkswirtschaftliche Rendite in den nächsten Jahren sogar deutlich ansteigen.
Um dieses Niveau zu halten, muss auch die Qualität der Rehabilitation ständig verbessert werden. „Vernetzung ist das Gebot der Stunde“, so der Direktor des Instituts für Rehabilitationsmedizin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Prof. Dr. Wilfried Mau: „Es muss klarer als bisher definiert werden, wer im Reha-Prozess welche Aufgabe hat und wer welche Verantwortung übernimmt.“ Alle Beteiligten müssten an einem Strang ziehen. Vom Patienten über den Haus- oder Betriebsarzt und der Reha-Klinik bis hin zur Nachsorge und Rückkehr in den Beruf sei eine konsequente Zusammenarbeit und Kooperation zwingend notwendig. Der Reha-Experte belegte diese Aussage mit Beispielen aus seiner Forschung mit Rheumakranken.
Wie eine Vernetzung mit der Arbeitswelt aussehen kann, verdeutlichte Dr. René Toussaint, Chefarzt und ärztlicher Leiter der MEDICA-Klinik in Leipzig. Im Jahr 2008 startete eine Kooperation zwischen der Deutschen Rentenversicherung Mitteldeutschland, der BKK Leipzig, den Leipziger Verkehrsbetrieben und der MEDICA. Ziel des Projektes ist es, gesundheitlich besonders belastete Mitarbeiter durch eine frühzeitige Behandlung so zu rehabilitieren, dass sie ihren Arbeitsplatz behalten bzw. an diesen zurückkehren können. Dafür müssten vor allem der Arbeitsmediziner und der Reha-Arzt zusammenarbeiten. Das Entscheidende sei die genaue Beschreibung der Arbeitsplatzanforderung. Diese müsse mit der individuellen Leistungsfähigkeit des Patienten abgeglichen und möglichst in Einklang gebracht werden. Straßenbahnfahrer Jürgen Karsupke veranschaulichte das Vorgehen und die Therapie an seinem eigenen Fall. Das Projekt sei eine „moderne, wegweisende und erfolgreiche“ Methode, um der demografischen Entwicklung gerecht zu werden, Kosten zu sparen und dem Arbeitnehmer zu helfen, langfristig im beruflichen Umfeld zu bleiben, fasste Dr. Toussaint zusammen.
Das ist auch Ziel neuer Zugangswege zur Entwöhnung. Mit dem „Magdeburger Weg“ hat die Deutsche Rentenversicherung Mitteldeutschland im Sommer 2007 ein Modellprojekt initiiert, das sie zusammen mit den ARGEn umsetzt. Es bringt suchtmittelabhängige Arbeitslosengeld-II-Empfänger schneller und unbürokratischer in Entwöhnungsbehandlungen. Erste Ergebnisse zeigen, dass das Überspringen der Motivationsphase durch die Suchtberatungsstellen nicht zu einem frühzeitigen Abbruch der Behandlung führt, wie von Kritikern befürchtet. „Je zeitiger eine Behandlung beginnt, um so dauerhafter kann sie sein“, so Roland Retzlaff vom mitteldeutschen Rentenversicherungsträger. Dabei können alle Beteiligten nur gewinnen, nicht nur die Betroffnen, deren Lebensqualität und Arbeitschancen steigen, sondern auch die ARGEn und die Rentenversicherung, die Kosten sparen. Nach Retzlaff setzt diese Win-Win-Situation allerdings voraus, dass alle am Reha-Prozess Beteiligten in Kontakt stehen.
Mit der „Sensorischen Welt“ im Berufsförderungswerk Halle stellte die Deutsche Rentenversicherung Mitteldeutschland ein Projekt vor, dass dazu beiträgt, Außenstehende für die Probleme, aber auch besonderen Fähigkeiten blinder und sehbehinderter Menschen zu sensibilisieren und zu mehr Integration beizutragen. „Einerseits können Betroffene hier in einem geschützten Umfeld und unter fachlicher Anleitung ihre verbliebenen Sinne aktivieren und trainieren, andererseits erhalten Sehende Einblick in die eingeschränkte Sehwelt, indem sie sich für kurze Zeit in deren Situation versetzen und im wahrsten Sinne des Wortes einen Sinneswandel erleben“, so die Diplomsozialpädagogin im Berufsförderungswerk Halle, Jennifer Sonntag.
Seit 2004 haben bereits rund 16 000 Besucher, davon Gebrauch gemacht. Zu ihnen gehören neben den Rehabilitanden und Familienangehörigen von Betroffenen immer häufiger auch Ärzte, Pädagogen, Schulklassen, Auszubildende und Studenten.
Deutsche Rentenversicherung Mitteldeutschland
08.03.2010